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07.07.2010

Von: ND

Schlechte Noten von den Beschäftigten

Bei einer Betriebsversammlung im Juni in Berlin sprach der NSN-Gesamtbetriebsratsvorsitzende Georg Nassauer, gleichzeitig stellvertretender Vorsitzender des dortigen Betriebsrats, neben örtlichen auch zahlreiche standortübergreifend aktuelle Themen an. Die entsprechenden Auszüge seiner Ansprache werden hier im NSN-Dialog der IG Metall veröffentlicht.


Georg Nassauer

Engagement Puls Survey: "schallende Ohrfeige für das Management"

Die letzte Betriebsversammlung fand unmittelbar vor den Betriebsratswahlen statt. Wir freuen uns über das Ergebnis von über 80% für die IG Metall-Liste, wobei wir uns für die Wahlbeteiligung und auch die Zustimmung zu unserer Liste schon das eine oder andere Prozent mehr gewünscht hätten.

Eine Zustimmung von  um die 80 % hätte sich das Management sicher auch bei einigen wichtigen Punkten der Mitarbeiterbefragung, auf neudeutsch „Engagement Puls Survey“, erhofft. Im März diesen Jahres wurde ein Pulse Survey, also eine Zwischenbefragung  von 4.000 Mitarbeitern in Deutschland durchgeführt, die Hälfte hat geantwortet. Zum Ausdruck kommt dort auch die Zufriedenheit der Belegschaft mit dem Management.

Um es vorweg zu sagen, die Befragung vom März 2010 ist eine Katastrophe und eine schallende Ohrfeige für das NSN-Management. Leadership, das zentrale Element der Unternehmenskultur, findet bei den NSN-Beschäftigten in Deutschland nur 35,2%, in Finnland nur 31,4% Zustimmung.

Schlechte Noten für Leadership ...

Was ist Leadership? Leadership ist die Auffassung eines situativen Führungsstils, der die Entwicklung einer Führungs- und Unternehmenskultur bewirkt, die Selbstverantwortung und Eigeninitiative der Mitarbeiter ermöglicht und fördert. Wichtig ist hierbei, dass das Kommende antizipiert und somit proaktiv geführt wird. Leadership heißt, nicht (nur) Dinge, sondern vor allem Menschen bewegen. Alles in allem ist Leadership ein entwicklungsorientierter Führungsansatz. Übrigens finden auch nur rund 50% der Line Manager das Leadership des Senior Managements bei NSN für gut.

... und Anpassungsfähigkeit

Noch schlechter als Leadership beurteilt die Belegschaft das Thema Responsiveness to Change. Gemeint ist unter anderen die Anpassungsfähigkeit auf Marktveränderungen, die richtige Aufstellung des Unternehmens, bewegt sich das Unternehmen in die richtige Richtung, werden Technologietrends und Chancen frühzeitig erkannt, stimmt die Strategie.

Meine Einschätzung zu diesen Themen habe ich hier ja des öfteren kundgetan, insbesondere zur Strategie. Sie deckt sich mit der Einschätzung von rund 70% der NSN-Mitarbeiter in Deutschland. Weniger als  30% der Belegschaft im Inland sind mit dem, wie das Thema Responsiveness to Change gelebt wird, einverstanden.

Ich möchte nicht auf die gesamte Umfrageaktion eingehen. Der Höhepunkt ist die Frage nach Maßnahmen, welche aufgrund der Befragungen abgeleitet werden könnten. Rund 80% der Beschäftigten in Deutschland und in Finnland sahen nicht, dass Maßnahmen aus den vorhergehenden Befragungen abgeleitet wurden. So ernst nimmt man es mit Meinungsumfragen, die sicherlich nicht zum Nulltarif zu haben sind. Soviel erstmal zur allgemeinen Stimmungslage im Unternehmen, die mit meiner eigenen ziemlich deckungsgleich ist.

Ich habe mich hier auf das Ergebnis in Deutschland und In Finnland bezogen. Ich sehe Riesenbaustellen für das Management, wenn es denn in der Lage ist, diese Aufgaben zu meistern. Bei Operations scheint die Situation besser als bei NSN in Summe. Bei einigen anderen Einheiten bin ich sehr skeptisch, ob sie mit den handelnden Personen und ihrem Unterbau in der Lage sind, zu neuen Ufern aufzubrechen.

Ein interessanter Aspekt lässt sich aus der Befragung herauslesen. Je weiter weg man von Westeuropa kommt, umso besser die Beurteilung. Das könnte manche Reisetätigkeit des Managements erklären. Kann aber auch sein, dass die Stimmung bei NSN z.B. in China besser ist, weil die Belegschaft dort Foxconn vor der Nase hat.

Handlungsauftrag fürs Management

Die Lösung für das Executive Board kann nicht sein, wie Bertolt Brecht es der DDR-Regierung nach dem 17. Juni 1953 ironisch vorhielt: "Das Volk hat das Vertrauen der Regierung verscherzt. Wäre es da nicht doch einfacher, die Regierung löste das Volk auf und wählte ein anderes?" Wir sehen in der Umfrage einen Handlungsauftrag für das Management und erwarten, dass gehandelt wird. Nicht im Sinne von weiterer hirnloser Restrukturierung, sondern dass die Zukunftschancen von NSN auch im Interesse der Beschäftigten erkannt werden. Wenn unter den derzeitigen Rahmenbedingungen schon ein positives Ergebnis erreicht wird, wie könnte es dann erst unter optimierten Rahmenbedingungen aussehen?

Kurzarbeit dilettantisch umgesetzt

In der letzten Betriebsversammlung mit Olaf Horsthemke am 8. März stand das Thema Kurzarbeit im Mittelpunkt der Diskussion. Das Thema steht auch heute noch in unserem Focus. Dass die Umsetzung der Kurzarbeit in den Entwicklungsabteilungen bei BSO/ CBC so dilettantisch ablaufen würde, hätten wir uns  nicht vorgestellt. Das ist auch eine Frage von Führungskultur.

Wir haben in den letzten Betriebsversammlungen aber darauf hingewiesen, dass wir als Betriebsrat bei der Kurzarbeit andere Vorstellungen hatten. Um es nochmals deutlich zu sagen, wir wollten, dass zunächst NSN insgesamt in Kurzarbeit geht. Wie gehabt, Montags und Freitags, und dann die Bereiche aussteigen, die unter Druck stehen. Mit diesem Modell hätte man sowohl Kosten für das Unternehmen, als auch den berechtigten Frust bei den betroffenen Kolleginnen und Kollegen gespart.

Wie so oft wussten es die BUs besser. Das Ergebnis ist bekannt. Die Zahl der Mitarbeiter in Kurzarbeit entspricht etwa dem normalen Krankenstand im Unternehmen. Dieser Vergleich zeigt, dass sich die positive Beschäftigungs-Wirkung in engen Grenzen hält.

Licht am Ende des Tunnels

Bei der letzten Betriebsversammlung Anfang März war der Quartalsabschluss von Q1 noch nicht bekannt. Er übertraf dann aber mit einem Umsatz von 2,72 Mrd € und einem, wenn auch kleinen, operativen Gewinn alle Erwartungen. Die Vorgabe für das nun laufende Quartal liegt bei 3,1-3,4 Mrd € Umsatz. Das ist ein notwendiger Weg in die richtige Richtung. Sollten seitens der  Zulieferer keine allzu großen Engpässe entstehen, liegt das im Bereich des Möglichen. Im letzten Jahr machte NSN einen Umsatz von 12,6 Mrd €.

Um wie angekündigt schneller zu wachsen als der Markt, bedarf es aber massiver Anstrengungen durch die Sales Organisation. Am 22. April erhielten wir ein recht euphorisch klingendes Mail von Rajeev. Er meinte, dass es zwar noch zu früh sei, um zu sagen, dass NSN die Wende wirklich vollbracht hat. Und weiter: "Lasst uns jetzt alles tun, um sicherzustellen, dass wir im Juli mit Stolz und einem  Gefühl des Erfolgs auf ein weiteres Quartal zurückblicken können."

Ende der permanenten Restrukturierung?

Am 26. 5 beim Town Hall Meeting  meinte Rajeev, wenn das Q2 im oberen Zielkorridor abgeschlossen würde, dann seien wir schon fast über den Berg. Was heißt das für die Beschäftigten? Heißt das, ein Ende der permanenten Restrukturierung, wie wir sie seit dem Start von NSN erleben?

Skepsis ist weiter angebacht. Die  7-9% Kostenersparnis, die im Herbst letzten Jahres verkündet wurde, ist noch längst nicht erreicht. Die Kurzarbeit hätte, wie gesagt, bei richtiger Anwendung eine erhebliche Kosteneinsparung zur Folge haben können.

Personalabbau ...

Leider ist auch wieder von Personalabbau die Rede. Wir haben die Abbauzahlen von Bruchsal zur Kenntnis genommen. Hier befinden sich unsere Betriebsratskollegen in Verhandlungen. Und wir drücken ihnen die Daumen, dass sie zu sozialverträglichen Lösungen kommen.

Auch vor den Kantinen machte der Abbau nicht halt. Wie die Besucher der Kantine sicher festgestellt haben, wurde die Kantine an die Firma Eurest ausgegliedert. Als Grund der Ausgliederung wurde genannt, dass das Kantinenwesen nicht zum Kerngeschäft von NSN gehört. Im Gegensatz zu manchem Kerngeschäft von NSN trifft die Kantine doch häufig und unmittelbar den Geschmack ihrer Kunden. Es gab in der Vergangenheit bereits mehrere Anläufe zur Ausgliederung, der natürlich auch tarifvertragliche Verschlechterungen zur Folge hat.

... und Tariffragen

Mit unserer Forderung „Solange die Köche in der Kantine mit Metalltöpfen kochen, wird auch nach Tarifvertrag der IG Metall bezahlt“, stießen wir leider auf taube Ohren und so blieb nur der Weg einer Vereinbarung, die den Betriebsübergang einigermaßen sozialverträglich macht. Für die Kantine wird weiterhin die Küchen- und Kantinenkommission des Betriebsrates zuständig sein. Es wird weiterhin auf das Preis-Leistungsverhältnis geachtet. Wir wollen, dass zwei Essen im unteren Preissegment angeboten werden. Und dass Auszubildende, Werksstudenten und Praktikanten einen Essenspreiszuschuss von 50% erhalten. Es sollen von dem Ausschuss auch Anregungen und Beschwerden der Belegschaft mit den zuständigen Leitern der Kantine bearbeitet werden.

Incentives vor der Einigungsstelle

Der Entgeltausschuss (AECB) des Gesamtbetriebsrat hat zum Thema "Incentives“ die Einigungsstelle angerufen. Die Verhandlungen laufen noch. Wir hoffen Anfang nächster Woche zu einem Ergebnis zu kommen.
Für die folgenden Themenbereiche sieht es ganz gut aus: Bei der Auswirkung und Transparenz des Business Result Multipliers gibt es Bewegung. Ebenso bei dem Prozess zur Zielfestlegung und Zielfeststellung, sowie bei der Klärung von Meinungsverschiedenheiten in einfacher und sachorientierter Weise. Stärkere Bedeutungen werden individuelle Ziele bekommen durch klare Abgrenzung von Geschäfts-, Team- und Individualzielen. Dann bleibt noch die Arbeit, einen Text abzufassen, der auch in rechtlicher Hinsicht keinen großen Interpretationsspielraum zulässt.
Da die Vorbereitungen zu Incentives und Zielvereinbarungen für das 2. Halbjahr 2010  jetzt beginnen, sehen wir nicht, dass die dann gefundene Regelung bereits für das 2. Halbjahr zum Tragen kommt.


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